Überblick
Das Leben von Rudolf Sieger
1867 geb. in Cracau/Magdeburg (Vater Braumeister Carl Rudolf Sieger / Mutter Johanne Frederike geb. Faber)
1880 Malausbildung bei Vincent Deckers in Düsseldorf
1895 Schüler Lovis Corinth in München
189offen Hochzeit Emma Tyndall (1867 - 1953)
189offen Geburt Gertrude (verst. offen)
1902 Geburt Sohn Hans (verst. 1965) und Umzug nach Blankenburg /Harz
1908 Umzug nach Bad Doberan und Bezug des späteren 3-Maler-Hauses
1909 - 1913 Lovis Corinth war mehrfach Gast bei den Siegers
1918 Umzug nach Laage
1919 Mitgründer der Vereinigung Rostocker Künstler
1925 Tod und Beerdigung mit 57 Jahren in Laage
1926 Gedächnisausstellung im Rostocker Museum
Die Zeit in München
Lovis Corinth bei uns zu Hause
Von Emmie Sieger
Als ich 1895 meinen Mann in Bayern kennenlernte, erzählte er mir, er sei in Lovis Corinths Atelier gewesen, zusammen mit einem Freunde. Dieser Freund hatte das ergreifende Bild „Pietà“ gekauft, das er später nach seinem Tode der Stadt Magdeburg hinterlassen hatte. In meinem Manne reifte nach diesem Atelierbesuch der Plan, Corinth zu bitten, ihn als Schüler anzunehmen. Corinth war einverstanden, und so wurde mein Mann der erste Schüler des Meisters.
Als wir im folgenden Jahre heirateten, siedelten wir uns in München in der Giselastraße an, ganz nahe bei Corinth, der in derselben Straße sein Atelier hatte. Diese räumliche Nähe begünstigte die nahen Beziehungen, die sich zu Corinth bald anknüpften. Ich entsinne mich noch deutlich, wie aufgeregt mein Mann war, als Corinth zum ersten Male zum Korrigieren kommen wollte. Mir wurde auf die Seele gebunden, mich um des Himmels willen nicht blicken zu lassen, denn der Meister war Damen sehr wenig zugetan. Obgleich ich vor Neugier brannte, war ich gehorsam und verhielt mich still und unsichtbar. Aber Frauen sind ja auf die Dauer nicht zu verbergen, und so lernte ich ihn nach einiger Zeit doch kennen.
Das Verhältnis blieb vollkommen einseitig, denn eine Unterhaltung wollte mit Corinth nicht in Gang kommen. An das, was wir Konversation nennen, war überhaupt nicht zu denken. Corinth antwortete nicht. Er knurrte immer nur: Hm, hm!
Als mein Mann anfing, mich zu malen, da wurde es etwas besser. Wir wurden schließlich sogar ganz gute Freunde, hauptsächlich wohl deswegen, weil ich es verstand, zur rechten Zeit den Mund zu halten. Beim Korrigieren ging er ganz in der Sache auf. Objekt und Art fesselten ihn immer gleich. Einmal fing er sogar selber an, um meinem Manne etwas zu demonstrieren, mich zu malen. So entstand die Skizze, die in diesem Heft zum ersten Male veröffentlicht wird. Später, als er bei uns zu Besuch war, hat er sie signiert. Nach einiger Zeit erzählte Corinth, daß er nach Berlin übersiedeln wolle. Sein Freund Walter Leistikow hatte ihm dazu geraten. So verloren wir uns aus den Augen.
Als wir dann nach Blankenburg a. H. [am Harz] zogen, wurde die Freundschaft wieder erneuert. Corinth besuchte uns dort öfter, auch mit seiner ihm neu angetrauten Gattin Charlotte Berend. Aus dieser Zeit besitze ich drei sehr amüsante, von Corinth gezeichnete Postkarten. Damals entstand auch die hier zum ersten Male veröffentlichte Federzeichnung. Mein Mann zeichnete einiges mit der Rohrfeder. Als Corinth das sah, meinte er, er möchte es auch wohl mal „mit dem Dings da“ versuchen. Es gefiel ihm sehr gut, und diesem ersten Versuch verdanken wir die Zeichnung.
Nach einigen Jahren zogen wir nach Doberan. Dort besuchte uns Corinth sehr häufig. Es schien ihm bei uns zu gefallen. Mein Mann und ich taten alles, um ihm den Aufenthalt angenehm zu machen. Die Hauptsache war aber, er brauchte sich bei uns keinerlei Zwang aufzuerlegen. Das war ihm nämlich in der Seele zuwider und konnte ihm alles verderben.
Wenn wir abends bei einer Flasche Rotsporn saßen, dann taute der Bär Lovis Corinth auf. Er war ein ausgezeichneter Erzähler. Mit Vorliebe berichtete er von seinen Erlebnissen und Späßen aus seiner Studentenzeit. Er konnte auf eine ganz wunderbare Weise über sich selbst lachen, und wir mußten mitlachen, wenn er sich selbst verspottete. Es waren wirklich schöne Stunden, die wir da verbrachten. Aber seine Arbeit ließ Corinth nicht liegen. Bei uns sind verschiedene Gemälde und Zeichnungen entstanden, so die „Dorfstraße“, Corinths erstes Blumenstilleben, verschiedene Zeichnungen zum Buche Judith und allerlei anderes.
Die Erinnerung an den Meister ist für mich mit einer Menge persönlicher Züge vermischt. Die Bekanntschaft und Freundschaft mit diesem einzigartigen Menschen hat mir manche schöne und wertvolle Stunde geschenkt, die mir heute noch ein unverlierbarer Besitz ist.


Die Zeit in Bad Doberan
Hier lebte Rudolf mit Emmi und Hans von 1908 - 1917 im späteren Drei Maler Haus. Der Name entstand duch seinen ihn besuchenden Freund Lovis Corinth und der Malschüleren Kate Diehn-Bitt. https://www.kate-diehn-bitt.de/