Kapitel 4: Das nackte Licht
Die Luft im Atelier war dick. Es war nicht nur der beißende Geruch von Terpentin und das schwere Aroma des Rotpons, den Corinth in rauen Mengen mitgebracht hatte – es war eine elektrische Spannung, die so physisch war, dass ich glaubte, sie auf der Haut spüren zu können.
Zwei Staffeleien standen im Raum. Eine gehörte Rudolf, meinem Mann, der seine Pinsel so akribisch sortiert hatte, als bereite er sich auf eine Operation vor. Die andere gehörte Corinth. Er hatte sie lieblos in die Mitte des Raumes gerückt, als wollte er das Nordlicht eigenhändig einfangen.
„Runter mit dem Zeug, Emmi“, brummte Corinth. Er sah mich nicht einmal an, während er eine frische Leinwand aufspannte. „Die Knöpfe, die Spitze, der englische Scham – das alles wirft nur Schatten, wo wir Fleisch brauchen.“
Ich sah zu Rudolf. Er wirkte blass. Seine Augen suchten die meinen, und ich sah darin einen tiefen Konflikt. Er wollte mich beschützen, er wollte die „Lady“ bewahren, die er in London geheiratet hatte, aber der Künstler in ihm war gierig. Er war süchtig nach dem Urteil des Meisters.
„Es ist nur für die Kunst, Emmi“, flüsterte er, fast so, als müsste er sich selbst davon überzeugen.
Ich trat hinter den spanischen Wandlauf. Meine Finger zitterten, während ich die endlose Reihe kleiner Knöpfe an meinem Rücken löste. Mit jedem Stück Stoff, das zu Boden glitt, fühlte ich mich leichter und zugleich schutzloser. Als ich heraustrat und das Podest betrat, war die Kühle des Raumes wie ein Schock.
Das Licht, das durch das Glasdach fiel, war gnadenlos. Es war das Licht, das mein Vater so oft beschrieben hatte – rein, objektiv, unbestechlich. Aber hier, in diesem Moment, fühlte es sich an wie ein Urteil.
Corinth hielt inne. Er legte den Pinsel weg und betrachtete mich mit einer Intensität, die mich fast dazu gebracht hätte, die Arme vor die Brust zu schlagen. Aber ich blieb stehen. Ich war eine Tyndale. Wenn ich ein Experiment sein sollte, dann das mutigste von allen.
„Hm“, machte er, und dieses Mal klang es fast ehrfürchtig. „Siehst du das, Sieger? Das ist kein Porzellan. Das ist Leben. Sieh dir das Blau der Venen an ihren Schläfen an. Das ist das Tyndall-Licht, von dem ihr Vater sprach, aber es ist gefangen unter einer Haut, die brennt.“
Er wandte sich zu seiner Leinwand und begann mit einer Wut zu malen, die mich erschreckte. Jeder Pinselstrich war wie ein Peitschenhieb. Er sah nicht auf mich, er schien mich aufzufressen und auf die Leinwand auszuspeien.
Rudolf hingegen malte zögerlich. Er suchte nach der Schönheit, nach der Harmonie, die er so sehr in mir liebte. Er versuchte, mich zu „retten“, während Corinth mich „sezierte“.
„Du malst eine Puppe, Rudolf!“, herrschte Corinth ihn an, ohne den Blick von seinem Werk zu wenden. „Hör auf, sie zu schonen! Schau sie dir an! Sie ist nicht deine Frau, sie ist ein Schlachtfeld aus Licht und Schatten! Mal den Schmerz in ihren Augen, mal die Hitze in ihrem Nacken!“
Ich merkte, wie sich meine Haltung veränderte. Ich war nicht mehr das stille Modell. Ich spürte, wie die Blicke der beiden Männer mich formten. Rudolfs Blick war eine sanfte Liebkosung, die mich einlullte, aber Corinths Blick war ein Feuer, das mich zwang, mich zu zeigen.
Stunden vergingen. Der Wein floss. Der Raum wurde dunkler, und das künstliche Gaslicht zischte in den Leitungen. Ich war erschöpft, mein Rücken schmerzte, aber ich fühlte eine seltsame Ekstase. In diesem Atelier, zwischen diesen beiden Männern, war ich mehr ich selbst als jemals zuvor in den sterilen Salons von London.
Als Corinth schließlich den Pinsel fallen ließ, trat er beiseite. Er sah zu Rudolf, dann zu mir.
„Das ist sie“, sagte er leise. „Die Tyndale, die ihr Vater nie kannte. Sie ist kein Experiment mehr, Rudolf. Sie ist das Bild selbst.“
Ich trat vom Podest und schlüpfte in meinen Seidenmorgenrock. Ich ging zu den Staffeleien. Rudolf hatte mich wunderschön gemalt, ätherisch, fast wie eine Heilige. Aber Corinth… Corinth hatte mich gemalt, als bestünde ich aus Feuer und Blut. In seinem Bild sah ich eine Frau, die bereit war, alles zu hinterlassen – ihren Namen, ihren Ruf, ihre Vergangenheit –, um in diesem Licht zu bleiben.
Ich sah Rudolf an und wusste in diesem Augenblick: Wir würden niemals mehr zu der unschuldigen Liebe von London zurückkehren können. Wir hatten die Büchse der Pandora geöffnet, und das Licht, das daraus hervorkam, würde uns alle verändern.