Blog Rudolf Sieger - Das Erbe des Lichts

Kapitel 3: Der Schatten des Bären

Es war ein Dienstagabend, und das Licht im Atelier war bereits zu jenem fahlen Blau verblasst, das Rudolf immer zur Verzweiflung trieb. Er saß vor seiner Leinwand, den Pinsel in der Hand, doch er malte nicht. Er starrte mich an, wie ich auf dem Podest saß – noch immer im hochgeschlossenen englischen Kleid, die Hände im Schoß gefaltet. Ich war für ihn ein Rätsel aus Porzellan, das er nicht zu zerbrechen wagte.

„Du bist zu still, Emmi“, flüsterte er. „Ich höre das Ticken deiner Uhr aus London bis hierher.“

In diesem Augenblick wurde die Stille nicht gebrochen, sie wurde zertrümmert. Schwere Schritte polterten die Treppe hinauf, die Tür flog ohne Klopfen auf, und ein Schwall von Kälte, Tabakqualm und purer Präsenz füllte den Raum.

Lovis Corinth trat ein. Er wirkte in dem hohen Raum noch massiger, als Rudolf ihn beschrieben hatte. Sein Gesicht war gerötet vom Wind oder vom Wein, und seine Augen waren klein, hell und von einer Intensität, die sich wie eine Berührung anfühlte. Er hielt zwei Flaschen Rotpon, als wären es Keulen.

„Sieger!“, dröhnte er, ohne mich anzusehen. „Du hockst hier im Dunkeln wie eine Spinne. Hast du kein Geld für Gas oder hast du Angst, dass deine Farben bei Licht besehen zu Staub zerfallen?“

Rudolf sprang auf, eine Mischung aus Bewunderung und Nervosität in seinem Blick. „Lovis. Ich… ich habe gearbeitet. Darf ich vorstellen? Meine Frau, Emmi Tyndale.“

Corinth hielt inne. Er stellte die Flaschen so hart auf den Tisch, dass das Glas klirrte. Dann drehte er sich langsam zu mir um. Er nahm keine Rücksicht auf die Etikette, die in meinem Vaterhaus Gesetz war. Er betrachtete mich nicht als Dame, sondern als Objekt. Als Fläche. Als Herausforderung.

„Tyndall, was?“, brummte er und kam auf das Podest zu. Sein Atem roch nach schwerem Rotwein. „Die Tochter des Mannes, der das Licht erklärt hat. Hm.“

Er ging um mich herum. Ich spürte seinen Blick im Nacken, an meinen Schultern, an meinem Kinn. Es war, als würde er mich mit seinen Augen ausziehen, Schicht für Schicht.

„Sieger, du Esel“, sagte er plötzlich und wandte sich zu Rudolf um, der wie ein Schuljunge danebenstand. „Du malst sie wie eine Ikone. Aber sieh dir doch diese Linie an!“ Er hob seine schmutzige Hand und fuhr mit dem Daumen über die Luft, nur Zentimeter von meiner Wange entfernt. „Da fließt Blut unter der Haut, kein Weihwasser. Sie hat dieses Tyndale-Licht in den Augen, aber du hast Angst, es brennen zu lassen.“

„Sie ist gerade erst angekommen, Lovis“, versuchte Rudolf zu verteidigen. „Sie muss sich erst…“

„Sie muss gar nichts!“, unterbrach ihn Corinth. Er riss den Korken aus einer der Flaschen und goss Wein in ein schmutziges Glas, das auf dem Tisch stand. Er hielt es mir hin. „Trinken Sie, Miss Tyndale. In diesem Atelier wird nicht analysiert. Hier wird gelebt. Ihr Vater hat das Blau des Himmels gemessen, aber ich wette, er wusste nicht, wie sich das Blau auf einer Leinwand anfühlt, wenn es nach Schweiß und Leidenschaft riecht.“

Ich nahm das Glas. Meine Hand zitterte ganz leicht, aber ich wich seinem Blick nicht aus. Ich trank den schweren, dunklen Wein, und ich spürte, wie er die Kälte aus meinen Gliedern vertrieb.

„Wissen Sie, was das Problem ist?“, fragte Corinth leise, fast sanft, während er sich zu mir hinunterbeugte. „Rudolf liebt Sie zu sehr, um Sie zu sehen. Er sieht die Frau. Ich aber…“ Er grinste, ein raubtierhaftes Lächeln. „Ich sehe das Motiv. Und ich werde Sie malen, Emmi. Ich werde Ihnen zeigen, was Ihr Vater über das Licht verschwiegen hat.“

In diesem Moment sah ich zu Rudolf. Er wirkte blass, fast durchsichtig neben der Wucht Corinths. Ich begriff, dass ich zwischen zwei Mächten stand: der sanften, ehrfürchtigen Liebe meines Mannes und dem zerstörerischen Genie dieses Bären.

Ich stellte das leere Glas ab. „Fangen Sie an, Herr Corinth“, sagte ich. „Ich bin bereit zu erfahren, was mein Vater nicht wusste.“

Rudolf schluckte schwer. Er hatte mich hergeholt, um mich für sich zu haben, aber er hatte gerade den Schlüssel zu meinem Innersten an Lovis Corinth übergeben.

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